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Something Old, Something New (Part 2)

Peter Brötzmann & ICI Ensemble – Beautiful Lies (Neos Jazz, 2016) ****

By Colin Green

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Musik als Kommunikation

 

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einer Runde mit guten Freunden und Sie reden immer das Gleiche. Sie geben sich sogar alle Mühe um ihren Text zu verinnerlichen und das Drehbuch auswendig zu lernen. Langweilig, oder? Fast furchterregend, wenn sich diese Gespräche in der Art wiederholen, wie der Tag des Wettermoderators Phil Connors in „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

So eingesperrt und festgelegt auf ein Schema wollen die drei Musiker Norbert Vollath, Georg Janker und Fredi Pröll nicht sein – sie wollen keine „Planerfüllung“ betreiben, sie spielen improvisierte Musik. Im Jazzclub Regensburg stellten sie sich mit ihrem Projekt „modulated works“ dem Publikum. Viele waren es nicht, die da in den Leeren Beutel gekommen waren, aber sie waren begeistert und fast noch wichtiger: sie waren von Anfang an dabei und haben sich auf die Kommunikation mit den Musikern eingelassen. Denn darum geht es. Es geht um die Gesamtheit von Ort, Zeit, Publikum und Akteuren, es geht um die Kommunikation untereinander, das Zuhören, das Weiterspinnen und auch um den Dialog mit sich selbst. Kurz gesagt: es geht darum, sich auf das Risiko der absoluten Gegenwart einzulassen!

„modulated works“ versteht sich als Work in Progress. Alles entsteht im Moment und ohne Plan. So wie sich eben gute Freunde treffen, um einen unterhaltsamen Abend zu verbringen. Dem Regensburger Norbert Vollath macht diese Art zu Musizieren sehr viel Spaß und er sieht die improvisierte Musik als große Herausforderung um mit anderen zu kommunizieren. Für den Bassisten und Soundtechniker Georg Janker ist Musik ohne Rhythmus und Harmonien die ehrlichste Weise der Kommunikation. Der österreichische Schlagwerker Fredi Pröll ist schon früh in die „Ulrichsberger Schule“ gegangen und mit improvisierter Musik, dieser „gesunden Droge“, aufgewachsen. Jazz, egal ob traditionell oder experimentell ist ihm noch zu festgelegt, „zu fertig“.

Prölls Beitrag lässt sich am besten als kleine Perkussionswunder beschreiben. Da wird das Drumset mit Handtüchern angeschlagen, da kommen Steine, Klötze und Bögen zum Einsatz. Einmal wirf er alles in ein indisches Becken, rührt es wie ein lautmalerischer Hexenmeister durcheinander und lässt es dann zu Boden fallen – und es klingt gut! Und auch die Einsätze von Vollaths kleiner und großer Klarinette, seinem Megafon; Jankers Bass, der mal geschlagen, mal gerieben, mal mit Zahnbürsten bestückt wird, wechseln ständig die Grenze von Geräusch zum Ton und bilden doch in ihrer Gesamtheit aussagekräftige Einheiten.

Die Frage nach der Grenze stellt sich immer wieder: Ist es noch Musik oder schon wieder? Man muss an Naturgeräusche und Urlaute denken, an Nachahmungen, an die Anfänge von Sprache und Musik. Doch die Frage wird schnell beantwortet wenn man an Phänomene wie die nonverbale Kommunikation, an Metaebenen und Gefühle und Stimmungen im Miteinander denkt. Die Eskimos sollen allein 60 Wörter für „Schnee“ haben. Das zeigt uns wie fein und nuanciert Wahrnehmung sein kann. Auf die Musik übertragen öffnet uns das für Neues, kann uns zum Wesentlichen führen. Dass dies nicht esoterisch sondern lyrisch zu verstehen ist, soll folgendes Zitat des pragmatischen Politologen Johano Strasser, der erst kürzlich in Regensburg einen Vortrag hielt, belegen. In seinem Buch Als wir noch Götter waren im Mai heißt es im Kapitel über die Landschaft seiner Jugendtage: „Ich glaube, Kinder sind Animisten. Oder Pantheisten. Jedenfalls hatte ich nie das Gefühl, allein zu sein, wenn ich am Morgen diesen Weg zurücklegte. Alles sprach zu mir, der Wind, die Bäume, die Vögel, das fast lautlos dahingleitende braune Wasser des Bachs, die struppigen Ginsterbüsche.“ So war es auch an diesem Abend.

6.05.10 - michael kroll

Kulturjournal Regensburg
 
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